Kurt Fürstenheim

Stempel: "Kurt Fürstenheim"

2026 konnte ein Buch aus der Bibliothek von Kurt Fürstenheim zurückgegeben werden.

Anhand des in dem Buch enthaltenen Stempels „Kurt Fürstenheim“, Adressbuchabgleichen und der Tatsache, dass es sich bei dem Objekt um ein Medizinbuch handelt, konnte als vormaliger Eigentümer der Arzt Dr. Kurt Fürstenheim identifiziert werden.

Kurt Fürstenheim wurde am 31. Mai 1886 in Berlin geboren. Seine Eltern waren der Arzt Dr. Ernst Fürstenheim (1836–1904) und Anna Dorothee Christiane Fürstenheim geb. Pressler (1852–1936).

Kurt Fürstenheim ließ sich 1913 in Biesenthal (Brandenburg) als Arzt nieder. 1922 verlegte er seine Praxis nach Berlin, zunächst nach Schöneberg, 1928 nach Lichterfelde-Ost. Kurt Fürstenheim war Mitglied im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold und ab 1919 Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), für die er bis 1933 Stadtverordneter in Biesenthal und Kreistagsabgeordneter im Kreis Oberbarnim war. Am 16. September 1913 heiratete Kurt Fürstenheim in Berlin die Klavierlehrerin Marie „Mieze“ Kaufmann (1890–1941). Die Ehe blieb kinderlos und wurde 1928 geschieden. Marie Fürstenheim geb. Kaufmann war im nationalsozialistischen Deutschland als jüdisch verfolgt. Sie wurde im Dezember 1941 in das Ghetto Minsk deportiert und dort ermordet.

Kurt Fürstenheim galt im nationalsozialistischen Deutschland als „Mischling 1. Grades“. Er war aktiver Antifaschist, seine kassenärztliche Zulassung wurde ihm aufgrund seiner Einstellung gegen den Faschismus entzogen. Im November 1935 wurde er denunziert, verhaftet und seine Wohnung durchsucht. Anfang 1936 wurde er wegen der Durchführung von Abtreibung in zwei Fällen zu zwei Jahren und drei Monaten Haft und drei Jahren Berufsverbot verurteilt. Ende 1937 wurde Kurt Fürstenheim wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Anschließend wurden ihm auch die Approbation und die Doktorwürde entzogen. Kurt Fürstenheim lebte anschließend zunächst bei seinem Bruder Hans Fürstenheim in Berlin-Halensee und anschließend bei einer Marie Louise Krause in der Pariser Str. 2 in Berlin.

Kurt Fürstenheim lebte bis Ende des II. Weltkriegs in Berlin. Ende 1941 arbeitete er als Kaufmann bei der Großhandlung Carl Elling und ca. Ende 1943 bis März 1945 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter in der pharmazeutischen Abteilung der Diwag-Chemiefabriken Berlin-Waidmannslust. Gleichzeitig war er als Mitglied in der Saefkow-Jacob-Bästlein-Organisation im Widerstand gegen den Nationalsozialismus aktiv.

Nach Kriegsende wurde Kurt Fürstenheim wieder als Arzt zugelassen und zog nach Alt Ruppin (Brandenburg), wo er als Arzt für die Rote Armee arbeitete. Er heiratete Ende 1945, die am 13. Februar 1897 in Rathenow geborene Else Wiesinger, die allerdings nur gut ein Jahr später, am 24. Januar 1947, verstarb. Auch diese Ehe blieb kinderlos.

Nach 1945 war Kurt Fürstenheim Mitglied in der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands (LDP), für die er auch Kreistagsabgeordneter war, im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), in der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) und in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Im Anschluss an ein Gerichtsverfahren gegen Kurt Fürstenheim wegen Abtreibung wurde 1953 sein Status als Verfolgter des Naziregimes überprüft und zurückgenommen. Fürstenheim sei kein politischer Häftling gewesen, als „Mischling 1. Grades“ nicht verhaftet oder in Zwangslagern untergebracht gewesen. Auch seien bei ihm „starke kapitalistische Tendenzen“ zu spüren.

Über sein weiteres Leben ist nichts bekannt. Kurt Fürstenheim starb 1975.

Kurt Fürstenheim hatte zwei Geschwister. Sein Bruder Hans Claus Fürstenheim (geb. am 5. Februar 1884 in Berlin) flüchtete 1939 mit seiner Ehefrau Charlotte Fürstenheim geb. Fischer (1887–1981) in die USA. Er starb 1962 in New York. Soweit bekannt, hatte das Paar nur einen Sohn, den am 4. Januar 1910 in Berlin geborenen Ernst Werner Fürstenheim, der bereits im Alter von 26 Jahren am 29. Februar 1936 in Berlin starb und keine Nachfahren hatte. Kurts Schwester Charlotte (geb. 27. Mai 1887 in Berlin) flüchtete bereits 1936 mit ihrem Ehemann Wilhelm Heimann (1887–1980) und ihrem Sohn Peter Klaus Heimann (1918–2003) in die Vereinigten Staaten. Sie starb 1968 in Hamburg.

Kurt Fürstenheim hatte zudem vier Halbgeschwister aus der ersten Ehe seines Vaters mit Luise Fürstenheim geb. Steinthal (1842–1880): Erna, Frieda, Walter und Louise Else. Erna Fürstenheim wurde am 1. April 1877 in Berlin geboren. Sie wurde am 15. Juni 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet. Frieda Fürstenheim wurde am 5. Mai 1878 in Berlin geboren und ebenfalls am 15. Juni 1942 in Sobibor ermordet. Walter Fürstenheim (geb. am 25. Juli 1879 in Berlin) überlebte die Shoah mit seiner Ehefrau Elisabeth Fürstenheim geb. Sauter (1879–1965) in der Emigration in England. Er starb am 2. August 1967 in Frankfurt am Main. Die am 12. November 1880 geborene Louise Else Fürstenheim starb bereits 1900 in England.

Kurt Fürstenheims Biographie wirft bezüglich des Zugangsweges des geraubten Buches in den Bestand der Berliner Stadtbibliothek einige Fragen auf, die nicht abschließend beantwortet werden können. Die Bewertung als NS-Raubgut ist anhand des Zugangsweges über die Pfandleihanstalt 1943 eindeutig. Die Zuordnung von Dr. Kurt Fürstenheim zum enthaltenen Stempel ist über einen Anscheinsbeweis erfolgt. Über den Zugang des Buches in den Bestand der Berliner Pfandleihanstalt kann indessen bisher nur spekuliert werden. Möglicherweise wurde das Buch bereits Ende 1935 entzogen oder von Fürstenheim nach seiner Haftentlassung unter Zwang 1937 verkauft. Möglicherweise befand sich das Buch zum Zeitpunkt des Entzugs aber auch im Besitz von einem seiner Geschwister- oder Halbgeschwister.

Weiterführende Informationen

  • Berlin.de: Denkstein für Frieda Fürstenheim.
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv. Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II) Vermögensverwertungsstelle. Rep. 36A (II) 10762. Hans Claus Fürstenheim
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv. Bezirkstag und Rat des Bezirkes Potsdam - Bezirksverwaltungsbehörde Potsdam. Rep. 401 RdB Pdm 37657. Fürstenheim, Dr. Kurt
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv. Bezirkstag und Rat des Bezirkes Frankfurt (Oder) - Bezirksverwaltungsbehörde Frankfurt (Oder). Rep. 601 RdB FfO VdN-247. Fürstenheim, Dr. Kurt
  • Keim, Klaus: Widerstand in Berlin gegen das NS-Regime 1933 bis 1945 : Ein biographisches Lexikon. Band 2 [Buchstabe C bis G] Caden-Gzeck. Berlin: trafo-Verl., 2003. S. 215.
  • Mapping the Lives: Kurt Fürstenheim

Das restituierte Objekt auf lootedculturalassets.de