Paula Heyman
Paula Heyman, undatiert (https://collections.yadvashem.org/de/names/13544016)
Stempel "Dr. Paula Heyman, Ärztin, Berlin-Grunewald, Humboldtstr. 34"
Im Mai 2026 konnte ein geraubtes Buch aus der Bibliothek von Dr. med. Paula Heyman zurückgegeben werden.
Die eindeutige Identifizierung der Voreigentümerin gelang anhand eines in dem Band vorhandenen Namens- und Adress-Stempels Heymans.
Paula Heyman wurde am 3. Juni 1890 in Berlin als Tochter des Bankiers Hugo Heyman (1856–1920) und seiner Ehefrau Marie Johanna, geb. Feist (1869–1943), geboren. Ihre Geschwister waren die Zwillingsschwestern Frida und Käthe Heyman (beide geboren 1892). Frida starb im Jugendalter um 1907 in Berlin.
Nach einem Studium der Philosophie in Berlin studierte Paula Heyman Medizin in Freiburg im Breisgau und Berlin, wo sie 1916 promoviert wurde und im selben Jahr die Approbation erhielt. Sie spezialisierte sich auf Kindermedizin. Ab 1928 war Heyman als Vertrauensärztin des Studentenwerks Berlin tätig. In dieser Funktion untersuchte sie hilfsbedürftige Studentinnen, erstellte Gutachten und beantragte Erholungskuren. Ab 1922 arbeitete sie Schulärztin in Berlin-Mitte. Heyman war Mitglied mehrerer Ärztevereinigungen (darunter der Verein sozialistischer Ärzte, VsÄ) und bekleidete verschiedene Ämter im Bund deutscher Ärzte (BdÄ).
Im nationalsozialistischen Deutschland auf Grund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt, wurde Paula Heyman 1933 aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Daraufhin betrieb sie eine Kinderarztpraxis und arbeitete zudem unentgeltlich für die Jüdische Gemeinde zu Berlin und die Jüdische Kinderhilfe.
Paula Heyman war unverheiratet und hatte keine Kinder. In Berlin wohnte sie am Alexanderufer 5 (1926/27), dann in der Humboldtstraße 34 und schließlich bei ihrer Mutter Marie Johanna in der Blumenstraße 100. Dort befand sich ab 1933 auch Paula Heymans Praxis. 1938 wurde ihr aufgrund der antisemitischen nationalsozialistischen Gesetzgebung die Approbation entzogen. Am 17. Mai 1943 wurde sie von der Gestapo aus der Blumenstraße 100 abgeholt, als „Transportärztin“ mit dem 38. Transport über Katowice in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Das letzte Lebenszeichen von Paula Heyman aus dem Lager kam im Juli 1943 in Form eines Briefes.
Paulas Schwester Käthe Heyman, später Kate genannt, gelang in den 1930er Jahren die Emigration nach Großbritannien, wo sie 1934/35 Kurse am University College London besuchte und später als Lehrerin und Sozialarbeiterin tätig war. Sie lebte in Belsize Park, London, und starb 1983 in London. Kate Heyman war unverheiratet und hatte keine Kinder.
Paula Heymans Cousin, der Wertpapierhändler Bernhard Bernard Valentin Heyman (1894–1952), seine Frau Wilhelmine (Minnie) Anna Heyman, geb. Stern (1898–1985), und ihre Kinder, die Zwillinge Lieselotte Lina Sophie Montague, geb. Heyman (1923–2012) und Hans Martin Heyman (1923–2008), überlebten die Shoah. 1939 emigrierten sie von Berlin über die Niederlande nach Großbritannien, wo sie sich in Holland Park, London, niederließen.
Martin Heyman trat Anfang der 1940er Jahre der British Home Guard bei und arbeitete für die BBC Monitoring Unit in Caversham, Berkshire, wo er deutsche Radiosendungen überwachte. Anfang Mai 1945 berichtete er über die vom „Reichssender Flensburg“ ausgestrahlte deutsche Kapitulationserklärung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte Martin Heyman am Christ Church College in Oxford und war weiter für die BBC Monitoring Unit in Caversham tätig, zuletzt als Geschäftsführer. Seit 1962 war er mit der Bibliothekarin Julienne Mary Green (1934–2016) verheiratet und lebte mit ihr in Shiplake Bottom, Berkshire. Das Ehepaar hatte keine Kinder.
Martin Heymans Schwester Lieselotte Lina Sophie studierte am Birkbeck College der University of London und trat der Royal Air Force bei, wo sie bis zum Rang eines Sergeants aufstieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete sie bei der BBC, unter anderem als Sprachtrainerin, gab diese Tätigkeit jedoch später auf, um eine Familie zu gründen. 1953 heiratete Lina Sophie Heyman den Architekten Hubert John Montague (1924–1970, ehemals Hans Hubert Joachim Meyer, dessen Familie Anfang der 1930er Jahre von Berlin nach London ausgewandert war) und hatte mit ihm drei Kinder: Antony, Eleanor und Robert.
Das Buch aus dem Eigentum von Paula Heyman wurde 1945 als Geschenk in den Bestand der Berliner Stadtbibliothek (BStB, heute Zentral- und Landesbibliothek Berlin) aufgenommen. Der im Zugangsbuch angegebene Lieferant „Kulturamt“ steht vermutlich in Verbindung mit dem Berliner Magistrat. Diese Lieferantenbezeichnung wurde allerdings nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 auch für nachweislich aus den letzten Wohnungen deportierter Berliner Jüdinnen und Juden stammende Bücher verwendet, die die BStB bereits 1943 von der Städtischen Pfandleihanstalt Berlin angekauft hatte.
Die ZLB bedankt sich herzlich bei Antony Montague, Eleanor Montague und Robert Montague für zahlreiche Informationen zu den Familien Heyman und Montague.
Text & Recherche: Kristin Hoßfeld / Jenka Fuchs
Weiterführende Informationen
- Berliner Adreßbücher 1926–1943
- Datenbank Ärztinnen im Kaiserreich: Paula Heyman
- Schwoch, Rebecca (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Berlin 2009, S. 344f.
- Seidler, Eduard: Kinderärzte 1933-1945. Entrechtet, geflohen, ermordet, Bonn 2000, S. 151
- WW2 People`s War – An archive of World War Two memories: The German Surrender Announcement, 07.12.2005, Article ID: A758934
- Yad Vashem Database of Shoah Victims‘ Names: Pages of Testimony Paula Heyman