Margarete Baer (geb. Raczinski)

"Gespendet März 1940

Margarete Baer Berlin Prenzlauer Allee 8."

Margarete Baer wurde am 25. September 1881 als Tochter des Kaufmanns David (1838–1911) und seiner Frau Olga Raczinski (geb. Katz, 1850–1927) in Gilgenburg, Ostpreußen (heute polnisch Dąbrówno), geboren. Margarete hatte sechs Geschwister, die ebenfalls alle in Gilgenburg zur Welt gekommen sind: Heinrich, Julius, Luise, Anna, Emma und Paula Raczinski. Die Familie Raczinski gehörte der jüdischen Religionsgemeinschaft an.

Über das Leben und Wirken Margarete Raczinskis ist wenig bekannt. Zu einem uns bisher unbekannten Zeitpunkt siedelte sie nach Berlin über. Am 25. Januar 1906 heiratete Margarete den Berliner Kaufmann Siegismund Salomon (1879–1942). Drei Jahre später ließ sich das Paar scheiden. Aus der Ehe gingen keine Kinder hervor.

Am 16. Juni 1910 ehelichte Margarete den Berliner Kaufmann Karl Goldstein (1881–1939). Karl Goldstein verstarb nach einem Schlaganfall am 4. Mai 1939 im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße. Bis dahin wohnte das Ehepaar in der Prenzlauer Allee 8. Nach jetzigen Erkenntnissen blieb diese Verbindung ebenfalls kinderlos.

Am 18. März 1940 heiratete Margarte Raczinski ein drittes Mal, den aus Lobsens (polnisch Łobżenica) stammenden Schuhmacher Abraham Baer (1868–1942). Das Ehepaar wohnte zuletzt in der Wohnung von Margarete in der Prenzlauer Allee 8. Dort erreichte das Ehepaar der Deportationsbefehl. Am 1. November 1941 mussten sich Abraham und Margarete Baer am Güterbahnhof Grunewald einfinden. Mit dem sog. IV. Transport wurden sie gemeinsam mit 1.037 Personen in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Der Deportationszug traf am folgenden Tag in Litzmannstadt ein. Das Ehepaar musste in ein Quartier in der Goldschmiedgasse 48/4 ziehen.

Am 9. Mai 1942 wurde das Ehepaar Baer in das Vernichtungslager Kulmhof deportiert und dort ermordet. Margarete und Abraham Baer waren Opfer der Shoah.

Margaretes Bruder Heinrich (1874–1918) fiel im Ersten Weltkrieg in der Nähe von Damaskus. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Soldatenfriedhof in Nazareth.

Julius Raczinski (1876–1950), ein weiterer Bruder Margaretes, heiratete am 30. September 1916 Margarethe Wittrin (1895–?, evangelischen Glaubens). Das Paar hatte zwei Söhne, Rolf (1915–1971) und Heinz Günther (1919–1947). Das Ehepaar überlebte gemeinsam mit seinen Kindern die Shoah.

Margaretes Schwester Luise (1878–1943) heiratete am 21. März 1902 den Komponisten und Kapellmeister Valentin „Falk“ Pinner (1876–1943). 1908 bekam das Ehepaar einen Sohn, der vermutlich gleich nach der Geburt verstarb. Weitere Kinder hatte das Ehepaar nicht. Valentin Pinner wurde am 2. März 1943 in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Zwei Tage später, am 4. März 1943, wurde Luise Pinner ebenfalls nach Auschwitz deportiert. Vermutlich direkt nach der Ankunft der Transporte wurden Valentin und Luise Pinner ermordet. Das Ehepaar war Opfer der Shoah.

Anna Raczinski (1880–1942), eine weitere Schwester Margaretes, heiratete am 24. März 1904 den Prokuristen Albert Delbanco (1865–1942). Die Ehe blieb kinderlos. Angesichts ihrer bevorstehenden Deportation beging das Ehepaar Delbanco am 30. September 1942 Suizid. Ihre letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Das Ehepaar war Opfer der Shoah.

Margarete Baers zweitjüngste Schwester, Emma Raczinski (1884–?), heiratete am 25. März 1909 den Kaufmann Georg Jechil Laser (1882–1945). Gemeinsam mit ihrem Sohn Egon Laser gelang Emma zu einem uns unbekannten Zeitpunkt die Flucht nach Kapstadt. Dort überlebt sie die Shoah. Georg Jechil Laser blieb in Berlin zurück und verstarb einen Tag nach der Kapitulation Nazideutschlands am 9. Mai 1945 an einem Herzinfarkt in seiner Wohnung.

Paula Raczinski (1887–?), Margaretes jüngste Schwester, heiratete am 14. Juni 1911 den Berliner Regisseur Botho Karl Ludwig Deike (1887–1951). Das Ehepaar emigrierte noch im selben Jahr über England und Kanada in die USA. Es gibt keine Erkenntnisse, ob aus der Ehe Kinder hervorgingen. Auch das Schicksal von Paula Deike ist unbekannt. Botho Karl Ludwig Deike heiratete 1941 erneut.

Die Familie Raczinski war in Deutschland als jüdisch verfolgt. Von den sieben Geschwistern Raczinski überlebten nur Julius, Emma und Paula die Shoah. Heinrich Raczinski fiel im Ersten Weltkrieg.

Ein besonderer Dank geht an unsere Kollegin, Johanna Steinhaeuser (ZLB), die die Biografie von Margarete Baer (geb. Raczinski) und ihrer Familie recherchiert hatte.

Weiterführende Informationen

  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA):
    • BLHA 36A (II) 1474
    • BLHA 36A (II) 7160
    • BLHA 36A (II) 29808
    • BLHA 36A (II) 29817
  • Bundesarchiv: Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945.
  • Gedenkbuch Yad Vashem, hier ID 11508228
  • Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin: Ausgabe 1931. Berlin: Goedega Verlagsanstalt, 1931, S. 127.
  • Landesarchiv Berlin (LAB):
    • LAB B Rep. 025-06 Nr. 1041/65
    • LAB B Rep. 025-07 Nr. 1443/50
    • LAB B Rep. 025-07 Nr. 1449/50
    • LAB B Rep. 025-07 Nr. 1450/50
    • LAB B Rep. 025-07 Nr. 1452/50
  • S.Ak. Nord: „Erfahrungsbericht. Betrifft: Einweisung von 20000 Juden und 5000 Zigeunern in das Getto Litzmannstadt“. Yad Vashem Archives, O.6/222.
  • Schwake, Norbert: Deutsche Soldatengräber in Israel. Der Einsatz deutscher Soldaten an der Palästinafront im Ersten Weltkrieg und das Schicksal ihrer Grabstätten. Münster: Aschendorff, 2009.
  • Standesamt Neukölln, Sterberegister (Erstregister) 1945: Urkunde Nr. 2766.
  • Stiftung Topographie des Terrors: Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941-1944: Ein Gedenkbuch. Berlin: Stiftung Topographie des Terrors, 2009.