Alfred Grotte
Portaitfoto Alfred Grotte, Aufnahmedatum unbekannt. (© Privatbesitz)
Alfred Grotte kam am 12. Januar 1872 als Sohn der Eheleute Moritz (1837–1919) und Bertha Grotte (geb. Maier/Mayer, 1842–1907) in Prag zur Welt. Er hatte zwei Geschwister: Hermann Rudolf (1868–1933) und Mathilde Grotte (?–1903). Die Familie Grotte gehörte der jüdischen Religionsgemeinschaft an.
Ab 1887 lebte die Familie Grotte in Wien, wo Alfred das Realgymnasium besuchte. Von 1891 bis 1897 studierte Grotte an den Technischen Hochschulen Wien und Danzig. In seiner Studienzeit muss er die aus Wien stammende Klara Fränkel kennengelernt und zu einem uns unbekannten Zeitpunkt geheiratet haben. Das junge Paar siedelte nach Posen über, wo Grotte ab 1901 Architektur an der städtischen Baugewerbeschule unterrichtete. Parallel wirkte er als Architekt und Bauberater der Jüdischen Gemeinde Posen.
Am 20. März 1905 kam Tochter Herta Mathilde und am 26. September 1916 Sohn Horst-Albrecht Max in Posen zur Welt. 1914 promovierte Alfred Grotte an der Technischen Hochschule Danzig zum Thema „Deutsche, böhmische und polnische Synagogenbauten vom XI. bis Anfang des XIX. Jahrhunderts“.
Nach dem Ersten Weltkrieg siedelte die Familie Grotte nach Breslau über. Dort wirkte Alfred Grotte von 1919 bis 1935 als Professor an der staatlichen Baugewerbsschule. 1921 wurde er überdies zum Pfleger der Kunstdenkmäler Schlesiens ernannt. Über seine Studienzeit hinaus widmete sich Grotte der Kartografierung der Synagogenarchitektur Mittel- und Osteuropas sowie der Architektur und Denkmalpflege im Allgemeinen. Über diese Themen und noch weitere publizierte er eine Reihe von Aufsätzen, Artikeln und Schriften. Gerade in den 1890er Jahren nahm das Interesse an jüdischer Denkmalkultur zu. So wurde 1895 in Wien die Gesellschaft zur Sammlung und Wiederherstellung jüdischer Denkmäler gegründet und 1897 in Frankfurt am Main die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler. Letztere Gesellschaft unterstützte Alfred Grotte als Herausgeberin bei seiner 1915 publizierten Dissertation.
Ein besonderes Interesse zeigte Grotte an der Typologie von Synagogen und deren Umwandlungen in christliche Gotteshäuser sowie an der Gestaltung jüdischer Friedhöfe und an der Architektonik jüdischer Grabsteine. Sein Wirken auf diesen Gebieten führte dazu, dass Grotte im ersten deutschsprachigen jüdischen Lexikon Beiträge zur Synagogenarchitektur publizierte.
Heute ist Alfred Grotte besonders für sein umfangreiches Wirken als Architekt in Prag, Wien und Posen bekannt. Bereits während seines Studiums arbeitete er von 1893 bis 1894 mit am Umbau der Prager Maisel-Synagoge. Die Bautätigkeiten Alfred Grottes reichten von Ferien-, Wohn- und Geschäftshäusern im Geiste des Wiener Jugendstils bis hin zu Synagogen, Altenheimen, Waisen- und Erziehungsanstalten sowie Zubauten von Krankenhäusern und Banken.
Zu seinen renommiertesten Bauten zählen der Israelitische Tempel und das daran angrenzende Rabbinerhaus in Tachau (tschechisch Tachov). Eine Besonderheit des Synagogenneubaus bestand darin, dass Grotte bspw. in den Gebetsraum Elemente aus älteren Synagogenbauten (Sitzbänke u. a.) integrierte. Und noch weitere Elemente des Baus knüpften an die antiken Traditionen jüdischer Sakralbauten an. Während der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge geschändet und zerstört. Erhalten blieb das Rabbinerhaus, welches heute unter Denkmalschutz steht.
Weitere Synagogenbauten Alfred Grottes sind die Synagoge in Buk, der Umbau der Synagoge in Pinne (polnisch Pniewy) und die Synagoge im S.B. Latzschen Alten- und Siechenheim in Posen. Alfred Grotte war überdies Beirat im Vorstand des Vereins „Jüdisches Museum in Breslau E. V.“. In dieser Funktion setzte er sich für die Bewahrung von jüdischer Kunst und deren Zugänglichkeit für die Öffentlichkeit ein. Unter anderem entstand 1935 dank seiner Mitarbeit ein Sammlungskatalog, der 1.200 Objekte listete, die in der Israelitischen Waisen-Verpflegungs-Anstalt Breslau ausgestellt worden sind.
Mit der Machtübertragung an die Nationalsozialisten am 10. Januar 1933 gerieten Alfred Grotte und seine Familie in den Fokus des NS-Verfolgungsapparates. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Grotte noch nicht, dass gerade seine Arbeit auf dem Gebiet jüdischer Sakralbauten nach dem II. WK eine eindrückliche Quelle für die von den Nationalsozialisten zerstörten und geschändeten Synagogen und Grabstätten werden sollte.
Am 30. August 1942 wurden Alfred und Klara Grotte ab Breslau mit dem Transport IX/2, Nr. 38 in das KZ Theresienstadt deportiert. Die überlieferten Transportlisten lassen darauf schließen, dass das Ehepaar zuvor im Durchgangslager Grüssau (polnisch Kreszów) zwangsinterniert war. Hierbei handelte es sich um eine Klosteranlage, die seit September 1940 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und als Zwangssammelstelle zur Vorbereitung von Deportationen umfunktioniert worden war. Am 17. Juni 1943 starb Alfred Grotte an den Folgen einer Lungenentzündung im KZ Theresienstadt, wie die überlieferte Todesfallanzeige berichtet. Klara Grotte wurde am 9. Oktober 1944 in das KZ und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das Ehepaar Grotte war Opfer der Shoah.
Der Tochter von Alfred und Klara Grotte, Herta Mathilde, gelang es, im Frühjahr 1939 nach England zu emigrieren. Dort wurde sie am 1. Juli 1940 im Rushen Internment Camp auf der Isle of Man interniert. Am 23. Mai 1941 wurde Herta Grotte offiziell entlassen und siedelte nach Leicester über. Dort lernte sie den aus Berlin stammenden Oskar Winterberger (1906–1990) kennen. Das Paar heiratete 1941 und blieb kinderlos. Herta Mathilde Winterberger (geb. Grotte) verstarb 1960 in Houston, Texas.
Horst-Albrecht Max Grotte gelang es, 1940 nach Südamerika auszuwandern. Dort lernte er die aus Buenos Aires stammende Regina Weidenfeld (1928–1994) kennen. Das Paar heiratete 1946 und hatte drei Kinder. Die Familie ließ sich in Kolumbien nieder. Horst-Albrecht Max Grotte verstarb am 18. Mai 1994 in Bogotá, Kolumbien.
Weiterführende Informationen
- Alfred Grotte 1872–1944. In: Biografický slovník českých zemí, hier Band 20, Prag 2017, S. 776.
- Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933–1945.
- Grotte, Alfred: Deutsche, böhmische und polnische Synagogentypen vom 11. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts. Berlin: Der Zirkel, 1915.
- Herlitz, Georg; Kirschner, Bruno (Hrsg.): Jüdisches Lexikon: Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden. Berlin: Jüdischer Verlag, 1927–1930.
- Hintze, Erwin G. (Hrsg.): Katalog der vom Verein „Jüdisches Museum Breslau“ in den Räumen des Schlesischen Museums für Kunstgewerbe und Altertümer veranstalteten Ausstellung: Das Judentum in der Geschichte Schlesiens: 3. Februar bis 17. März 1929. Breslau: Barth & Comp., 1929.
- „Jüdisches Museum E. V., Breslau“. In: Jüdische Zeitung, Nr. 21 (42. Jahrgang), 7.6.1935, Breslau, S. 3.
- Kügerl, Thomas: Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge Tachov. Diplomarbeit. Wien, 1998.
- Rose, Ambrosius Georg: Kloster Grüssau. Stuttgart: Theiss, 1974, S. 185ff.
- Sammlungen des Nationalarchivs Prag: Židovské matriky: Ohledací listy - ghetto Terezín, hier Band 101.
- Wien, Ö. N., Blumesberger, S., Doppelhofer, M. & Mauthe, G.: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft: 18. bis 20. Jahrhundert. München: Walter de Gruyter, 2011, S. 465.