Albert Goss
2026 konnte ein Buch aus der Bibliothek von Albert Goss zurückgegeben werden.
Der Zugangsweg des Buches in den Bestand der Berliner Stadtbibliothek (BStB) ist unbekannt. Es wurde nach Kriegsende 1951 in den Bestand aufgenommen, als Lieferant ist im Zugangsbuch nur "Bücherlager" vermerkt.
Anhand eines enthaltenen Adressstempels konnte als vormaliger Eigentümer des Buches eindeutig der Sportlehrer Albert Goss identifiziert werden.
Albert Goss wurde am 13. Oktober 1895 geboren. Seine Eltern waren der Lehrer Joseph Goss (1864-1920) und Dora Goss geb. Cohn (ca. 1862-1928). Albert hatte zwei jüngere Geschwister, den am 6. November 1897 geborenen Erich und die am 30. März 1900 geborene Frieda. Alle drei Kinder kamen im preußischen Schokken (heute Skoki, Polen) zur Welt, später lebte die Familie Goss in Berlin in der Auguststr. 38.
Albert Goss wohnte ab 1925 in der Raupachstraße 13. 1932 heiratete er in Berlin Alice Segal. Diese war am 3. August 1905 in Berlin als Tochter des Schilderfabrikanten Wolf „Willy“ Segal (1873-1943) und der Gertrud Segal geb. Cohn (1875-1932) geboren worden. Am 30. Juni 1935 kam Albert und Alice Goss‘ gemeinsamer Sohn Joachim in Berlin zur Welt.
Die Familie Goss war im nationalsozialistischen Deutschland als jüdisch verfolgt. Albert Goss war vom 15. November bis zum 23. Dezember 1938 im KZ Dachau inhaftiert. Laut seiner Vermögenserklärung arbeitete Albert Goss 1942 nicht mehr wie zuvor als Sportlehrer, sondern war bei der Jüdischen Kultusvereinigung Berlin auf dem Friedhof Weißensee tätig. Auch war die Familie Goss gezwungen, Untermieter in ihrer 3-Zimmer-Wohnung aufzunehmen. Albert, Alice und Joachim Goss wurden am 26. Oktober 1942 in Berlin in das Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße 7/8 in Berlin-Tiergarten verbracht und im „22. Osttransport“ ab Berlin nach Riga deportiert. Alle etwa 800 Menschen, die mit diesem Transport deportiert wurden, wurden spätestens nach der Ankunft in Riga am 29. Oktober 1942 ermordet, so auch Albert, Alice und Joachim Goss.
Erich Goss studierte Medizin und wurde Arzt. 1925 heiratete er in Berlin die am 19. August 1895 in Halle an der Saale geborene Alice Peril. Die Familie lebte um 1930 in Südende (Berlin-Steglitz) Am Fenn 19.
Erich praktizierte als praktischer Arzt und Geburtshelfer. Am 10. Januar 1931 wurde der gemeinsame Sohn Werner Joachim in Berlin geboren.
1936 flüchteten Erich, Alice und Werner Goss über Le Havre in die USA und überlebten so die Shoah. Erich Goss arbeitete in New York als Radiologe bis zu seinem Tod 1966. Werner Joachim, nun Bernard Joseph Goss, heiratete 1963 in den USA und wurde zweifacher Vater. Er fiel am 23. April 1966 im Vietnamkrieg. Alice Goss lebte bis zu ihrem Tod 1987 in den USA.
Frieda Goss arbeitete in Berlin als Kinderpflegerin. Am 30. Januar 1930 heiratete sie in Berlin den Arbeiter Walter Cohn. Beide emigrierten in den 1930er Jahren ins britische Mandatsgebiet Palästina und überlebten so die Shoah. Der Familienerzählung nach blieb das Paar kinderlos, adoptierte aber ein Mädchen aus dem Jemen. Frieda Cohn starb, ebenfalls der Familienerzählung nach, 1966 in Israel. Näheres konnte zu diesem Zweig der Familie nicht recherchiert werden.
Albert Goss‘ Bibliothek wurde durch das Deutsche Reich NS-verfolgungsbedingt entzogen und „verwertet“. 1943 begutachtete und bewertete der Buchhändler und Antiquar Max Niederlechner (1889–1970) im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg die Sammlung mit 30 Reichsmark. Eine nicht näher bestimmte Anzahl Bücher („1 Posten“) wurde an das Antiquariat von Wilhelm Rüter verkauft.
Ob der im Bestand der Zentral- und Landesbibliothek Berlin identifizierte Band „Sportmassagen“ Teil dieses „Postens“ war, kann bisher nicht eindeutig nachvollzogen werden.
Weiterführende Informationen
- Brandenburgisches Landeshauptarchiv: 36A II 12191, Albert Goss. (online: https://blha-digi.brandenburg.de/rest/dfg/GxGZFejkoUaklLCD)
- Flick, Caroline: Max Niederlechner als Sachverständiger des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg. In: Retour : Freier Blog für Provenienzforschende. 2025 (online: https://doi.org/10.58079/154q8)