Walter Bernhard Oettinger

Autogramm "Dr. Oettinger"

Autogramm "Dr. Oettinger"

Walter Bernhard Oettinger wurde am 20. Januar 1879 als Sohn von Minna Oettinger geb. Weinstein (1852–1941) und des Kaufmanns Max Oettinger (??-??) in Breslau geboren. Er hatte drei Geschwister: Albert, der 1875 im Säuglingsalter starb, Rebecca Friederike Frieda Gertrud (1877–1936) und Margarete (1883–1941).

Walter Oettinger absolvierte ab 1897 ein Medizinstudium in Freiburg i. B. und in Breslau, wo er 1904 promoviert wurde. Anschließend war er als Assistent und später als außerordentlicher Professor und Oberarzt am Hygienischen Institut der Universität Breslau tätig. Er nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und leitete ab 1918/1919 das Bakteriologische Institut im Städtischen Krankenhaus Charlottenburg-Westend sowie das Städtische Untersuchungsamt für ansteckende Krankheiten in Charlottenburg-Westend. Ab 1921 war Oettinger als verbeamteter Stadtmedizinalrat und Stadtrat für Gesundheitswesen in Charlottenburg, das 1920 ein Verwaltungsbezirk von Groß-Berlin geworden war, tätig. Zudem lehrte er an der Sozialhygienischen Akademie Charlottenburg. In seiner Forschung befasste er sich mit „rassenkundlichen“ und „rassenhygienischen“ Fragen, die damals Konjunktur hatten.

Von den Nationalsozialisten wurde Oettinger, der 1906 zum Protestantismus übergetreten war, auf Grund seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Nachdem seine zwölfjährige Amtszeit als Stadtrat, die im März 1933 endete, nicht verlängert worden war, wurde er in den Ruhestand versetzt. Angesichts der zunehmenden antisemitischen Gewalt und Repression suchte er ab Mitte der 1930er Jahre nach Wegen, um Deutschland verlassen zu können.

Mitte Juni 1938 reiste Oettinger in die USA, musste allerdings schon Anfang Juli des Jahres wieder nach Europa zurückkehren, da nur wenige Wochen nach seiner Ankunft sein Reisepass ablief und es ihm nicht gelang, eine Beschäftigung in den Vereinigten Staaten zu finden.
Auf der Rückreise nach Berlin beschrieb Oettinger am 11. Juli 1938 aus London seinem Freund und ehemaligen Kollegen Alfred Korach (1893–1979), der in Berlin-Prenzlauer Berg Stadtarzt sowie aktiver Sozialdemokrat gewesen war und bereits 1933 aus Deutschland geflohen war, seine Situation: 

            „Meine Aussichten in Amerika kann ich nicht so günstig beurteilen wie Sie es
            freundlicherweise sehen, Sie vergessen: ich werde demnächst 60 Jahre. Ich
            kann natürlich keine feste Stellung mehr erstreben. Ich […] würde bedenkenlos
            meine Pension aufgeben, wenn ich für 2-3 Jahre draußen gesichert wäre; z.B.
            deshalb habe ich mich zu dieser Reise in letzter Stunde entschlossen

Um in den USA zeitweise finanziell abgesichert zu sein, bemühte sich Oettinger, wie er in seinem Brief an Korach berichtet, um ein Stipendium zur Durchführung einer wissenschaftlichen Untersuchung. Allerdings offenbar ohne Erfolg.

Auf dem Rückweg aus den USA nach Deutschland machte Oettinger im Sommer 1938 in den Niederlanden Station, ebenfalls auf der Suche nach längerfristigen Aufenthalts-Möglichkeiten. In Amsterdam besuchte er seinen dort exilierten ehemaligen Charlottenburger Arzt-Kollegen und SPD-Stadtverordneten Ludwig Jaffé (1883–1939 durch Suizid). Über die Begegnung berichtete Jaffé in einem Brief an Alfred Korach am 5. Dezember 1938:

            „Oettinger war zwei Tage hier, […] ich habe ihm auch Eingang bei verschiedenen
            Leuten verschaffen können, aber hier wurde nichts daraus und weiter weiß ich nur
            noch, daß seine alte Adresse nicht mehr stimmt, nicht aber, wo er sich befindet.
            Sein letztes Wort zu mir und meiner Frau beim Abschied war:
            Mir ist zumute, als ob ich zu meiner Hinrichtung fahren muss.“

Bis Herbst 1938 hatte Oettinger in der Knesebeckstraße 56 in Berlin-Charlottenburg gewohnt, musste die Wohnung dann aber, wie Ludwig Jaffés Nachricht nahelegt, aufgeben. In den Berliner Adressbüchern ist Oettinger ab 1939 nicht mehr verzeichnet. Bei der Volkszählung im Mai 1939 wurde er mit der Berliner Adresse Schlüterstraße 44 erfasst. Spätestens ab Herbst des Jahres bewohnte er ein einzelnes Zimmer zur Untermiete in der Stübbenstraße 1 in Berlin-Schöneberg.  

Laut seiner Vermögenserklärung vom 13. August 1942 besaß Oettinger zu diesem Zeitpunkt nur noch einige wenige Kleidungsstücke und Möbel sowie einen „Posten Bücher“. Seit Februar 1942 hatte ihm die Stadt Berlin seine Pension nicht mehr ausgezahlt.

Am 15. August 1942 wurde Walter Oettinger von Berlin aus nach Riga deportiert und dort kurz nach seiner Ankunft am 18. August 1942 in den Wäldern Rumbula oder Biķernieki erschossen.
 

Erb*innen / Familienangehörige

Walter Oettinger war ledig und hatte keine Kinder.

Seine verwitwete Mutter Minna Oettinger starb im Juni 1941 in Berlin.

Seine Schwester Frieda war mit dem Arzt und Publizisten Paul Henry Gerber (??–1919) verheiratet und lebte mit ihm in Königsberg. Das Ehepaar hatte zwei Söhne: Heinz Wolfgang Richard (1906–1941) und Hans (1907–??). Frieda Gerber zog um 1934 nach Berlin, wo sie im Januar 1936 starb.

Ihr Sohn Heinz Gerber war Jurist und arbeitete nach 1933 aufgrund des Zulassungsverbots für jüdische Rechtsanwält*innen u. a. als Elektromechaniker in Berlin. Als er der angeblichen „Rassenschande“ angeklagt wurde, floh er 1937 zu seiner Tante Margarete Grünfeld und deren Familie nach Kattowitz, 1938 weiter nach Prag. Bei dem Versuch Prag nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im März 1939 zu verlassen, wurde er verhaftet und ab November 1939 im Zuchthaus Luckau und im Polizeigefängnis Berlin inhaftiert. Anfang 1941 wurde er als „Schutzhäftling“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen und später in das KZ Groß-Rosen deportiert. Dort starb Heinz Gerber am 9. September 1941. In seinem für das Zuchthaus Luckau verfassten Lebenslauf und auf einem Effektenkammer-Fragebogen des KZ Groß-Rosen gab Gerber als Kontaktperson und Erbberechtigten seinen Onkel Walter Oettinger an.

Heinz Gerbers jüngerer Bruder Hans war, wie sein Onkel Walter Oettinger, Mediziner. Im Dezember 1938 wurde er im KZ Sachsenhausen interniert. Bei der Volkszählung im Mai 1939 wurde er mit der selben Adresse seines Onkels in der Schlüterstraße 44 erfasst. Im selben Jahr gelang Hans Gerber die Emigration nach Großbritannien, wo er sich seither John Henry Gerber nannte und als Arzt in der British Army diente. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er u.a. für die United Nations Relief and Rehabilitation Administration und die World Health Organization tätig. Soweit bekannt, hatte John Henry Gerber keine Kinder.

Walter Oettingers in Kattowitz lebende Schwester Margarete und ihr Ehemann, der Bauunternehmer Hugo Grünfeld, hatten drei Kinder: Walter (1908–1988), Lotte (1910–1990) und Marianne Ilse Hanna (1912–1942).

Margarete und Hugo Grünfeld flohen nach dem deutschen Überfall auf Polen Anfang September 1939 von Kattowitz nach Lemberg (Lwów). Dort starb Hugo Grünfeld Mitte September 1939 an einer Lungenentzündung. Margarete Grünfeld wurde 1940 von Lwów aus, das Mitte September 1939 von der Roten Armee besetzt worden war, zwangsweise in die Sowjetrepublik Marijskaja umgesiedelt. Im Herbst 1941 gelang ihr die Weiterreise nach Usbekistan. Dort starb sie im November 1941 an Typhus.

Ihre jüngste Tochter Marianne Grünfeld ging 1933 nach Paris und 1937 nach England, wo sie jeweils als Au-pair tätig war. Anschließend absolvierte sie ein Studium des Gartenbaus an der University of Reading. Im April 1940 trat sie eine Stelle in einem landwirtschaftlichen Betrieb auf der britischen Kanalinsel Guernsey an. Nach der Besetzung Guernseys durch die deutsche Wehrmacht im Juni 1940 wurde sie im April 1942 als „jüdisch“ identifiziert und von der Insel nach Vichy-Frankreich ausgewiesen. In Laval (Mayenne) fand sie in einem von Nonnen geführten Hospiz Unterkunft. Am 15. Juli 1942 wurde sie verhaftet und am 20. Juli 1942 von Angers (Maine et Loire) aus in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Marianne Grünfeld überlebte die Shoah nicht.

Ihr älterer Bruder Walter Grünfeld studierte Nationalökonomie in München und wurde 1933 in Basel promoviert. Im Unternehmen seines Vaters in Kattowitz war er in leitender Position tätig. Nach dem deutschen Überfall auf Polen floh er 1939 nach Italien, 1940 in die Türkei und 1941 in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina. Von dort gelang ihm die Emigration in das britische Protektorat Nordrhodesien. 1947 ging er nach Südafrika, wo er eine Erzhandelsfirma gründete. Walter Grünfeld starb 1988 in der Schweiz. 

Lotte Grünfeld besuchte um 1930 in Berlin Kurse an der Kunstgewerbeschule und am Pestalozzi-Fröbel-Haus. Ende 1931 kehrte sie nach Kattowitz zurück, um im Unternehmen ihres Vaters eine Ausbildung als Möbelfabrikantin zu absolvieren. 1933 heiratete sie den Chemiker Zygmunt Weingrün und brachte 1935 die gemeinsame Tochter Nina (Janina) zur Welt. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs gelang der jungen Familie die Flucht aus Polen über Rumänien und Zypern in das britische Mandatsgebiet Palästina, das sie Mitte 1941 erreichten. Später emigrierten sie, wie Lottes Bruder Walter, nach Südafrika. Zygmunt Weingrün starb 1959 in Johannesburg, Lotte Weingrün geb. Grünfeld starb 1990 in Durban.


Die zu Walter Oettinger ermittelten Provenienzmerkmale und Objekte sind hier in der kooperativen Provenienzdatenbank Looted Cultural Assets verzeichnet.

Sollten Sie Informationen haben, die bei der Rückgabe hilfreich sein könnten, bitten wir um Kontaktaufnahme